Sonntag, 21. August 2016

Wenn Angst dein treuster Begleiter wird...


Gedankenfluss, immer schneller werdender Herzschlag, schwitzende Hände, intensiver Atem, Panikattacke. Nichts geht mehr. Schnelle Ablenkung, Wasser trinken und versuchen, alles schön zu kaschieren, damit niemand etwas mitbekommt. Es dauerte 10 ganze Jahre, bis ich endlich den Mut hatte, mich meinen Ängsten zu stellen und über sie zu sprechen. 

Als ich 12 Jahre alt war, verstarb mein Grossvater während unserer Sommerferien in Griechenland. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch nie einen Gedanken daran verschwendet, dass einer geliebten Person etwas passieren könnte oder ich sogar jemanden verlieren könnte. Die ganze Erfahrung - Beerdigung, weinende Verwandte, Trauer - war zu viel für mich und ich verweilte für einige Tage im Schockzustand. Wenn ich mich zurückerinnere, kann ich mich an alles so klar erinnern, als könnte ich zurück in meinen 12jährigen Körper steigen und alles nochmals erleben. Ich kam mit der gesamten Situation nicht klar, wusste nicht, wie damit umgehen. Es entstanden Fragen über das Leben und den Tod, die mir niemand beantworten konnte. Angstzustände und Panikattacken waren das Resultat. Obwohl meine Eltern versuchten, mir zu helfen, für mich da zu sein und auch eine Therapie vorschlugen, hatte ich meine Emotionen so weit vergraben und überspielt, dass dies nicht mehr nötig war. So hatte es sich für mich geklärt.

Jedoch verschwanden die Panikattacken nicht. Es gab Monate, da ging es mir blendend. Dennoch kehrten sie in regelmässigen Abständen immer wieder zurück. Und das jahrelang. Ich schämte mich dafür und dachte ständig, dass ich mich zusammenreissen soll. Mit den Jahren nahm ich die Ängste einfach so hin. Ich wusste genau, wie eine solche Panikattacke abläuft und liess es schliesslich einfach zu. Was wollte ich schon dagegen tun? Ich war komplett identifiziert mit meinen Gedanken und fest davon überzeugt, dass mir nichts und niemand helfen könnte.

Auch mit 16, 18 und 21 Jahren wurde ich täglich vor dem Schlafengehen nervös, weil ich nicht wusste, was für Gedanken wieder in meinem Kopf herumkreisen würden. Ich begann mich mit dem Handy abzulenken, bis ich schliesslich einschlief. Am nächsten Morgen fühlte ich mich kaum ausgeschlafen und fing an zu grübeln, weshalb ich keine Panikattacke hatte. Es war mein Fluch. Trotzdem waren die Anstzustände nie so tragisch, dass sie mich in der Schule, bei der Arbeit oder innerhalb der Familie und unter Freunden gross beeinträchtigten. Also dachte ich nach jeder Panikattake, das wäre das letzte Mal gewesen. Bis zu meinem zweiten Studienjahr vor zwei Jahren. 

In der Zwischenzeit hatte ich meine Grossmutter und meinen anderen Grossvater verloren, konnte ihren Tod aber gut verarbeiten. Die Panikattacken hatten nichts mehr damit zu tun. Sie waren schon so ein grosser Teil von mir, dass ich dachte, mein Körper braucht die Panikattacken, um sich zu regulieren. Total absurd. Wer jedoch schonmal eine Panikattacke hatte, weiss, dass man sich im Anschluss zwar müde, aber komplett ruhig und sehr friedlich fühlt. Ich konnte danach schlafen wie ein Baby. Allerdings kamen die Panikattacken vermehrt tagsüber - im Bus, an der Uni, in den Ferien mit meinem Freund. Ich war aber immernoch eine Meisterin im Kaschieren und niemand merkte etwas. Mit der Zeit gelang ich an einen Punkt, an dem ich mit jemandem darüber sprechen musste. Ich konnte nicht mehr. Somit vertraute ich mein tiefstes Geheimnis meiner besten Freundin an, die mich pushte, mir professionelle Hilfe zu holten. Ich war entschlossen, mich ernsthaft mit meinen Ängsten auseinanderzusetzen, jedoch dauerte es einige Wochen, bis ich schliesslich vor meinem Psychiater sass.

Zuerst behauptete ich, ich hole mir Hilfe zur Selbsthilfe. Bücher darüber lesen, mich in Foren darüber austauschen. Leider war ich da nicht sehr proaktiv und ich realisierte, das bringt nichts für mich. Ich musste mit meinen Eltern darüber sprechen und meinen Hausarzt besuchen. Ich hatte professionelle Hilfe bitter nötig und sah keinen anderen Weg. 

Schliesslich besuchte ich einige Sitzungen und lernte sooo viel über mich, mein Umfeld und meine Gewohnheiten. Was in uns allen vorgeht ist so komplex und vielschichtig, dass es für mich eine Art Entdeckungsreise war. Mit der Zeit freute ich mich sogar auf die Sitzungen. Es war ein Ort, an dem ich hemmungslos heulen konnte und jedes Mal etwas Neues über mich lernte, das mich ein Stückchen weiter brachte. 

Heute kann ich nicht sagen, dass ich keine Verlust- und Existenzängste mehr habe. Ich akzeptiere sie aber und begrüsse sie wie einen alten Freund, wenn sie kommen, und kann sie gut wieder gehen lassen. Panikattacken hatte ich schon länger keine mehr und wenn ich weiterhin daran arbeite, bleibt das so. Die Therapie war der Ursprung meines "Besserwerdens". Aber auch Yoga, Meditation, einige Bücher, mein Austauschsemester inkl. Reisen und die Selbstakzeptanz haben mir ebenfalls geholfen, mich wohl zu fühlen und die Suche nach dem inneren Frieden zu starten.

Hoffentlich findet jede und jeder früher oder später den Mut, sich seinen Ängsten zu stellen und diese zu überwinden!

Viel Liebe
   - Irini

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1 Kommentar

  1. Now i understand it... when we met at the estee lauder event and you were so nervous... btw. i have same problems, but i cure it few years already with medicine :)

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